Jetzt ist es raus. Einige treue Leser fĂŒhlen sich scheinbar nicht mehr wohl in der Finanzcommunity. Einerseits verstĂ€ndlich, andererseits: Ihr Heuchler!

Der Couponschneider hat mit seinem RĂŒckblicks-Artikel aufsehen erregt. Sein quasi Rundumschlag gegen die Finanzblogszene ist hĂ€rter als eine feministische Revolte gegen Patriarchen. Als „langweilig“, bezeichnet er seine zur Routine gewordenes investieren. Was noch? Andere Finanzblogs wiederholen sich, es gibt nichts Neues. AufhĂ€nger: Die 72er Regel. Mann, checkt es doch endlich! Es ist nur eine einfache Berechnung – Der Couponschneider ist außer sich. Außerdem: Immer mehr Finanzblogs schießen aus dem Boden und lustige Namen geben sie sich noch dazu. Der Finanzrocker sei – sinngemĂ€ĂŸ – auch nicht mal das was er mal war. Auch die Kommentarspalte ist voller Apostel der Finanzreligion.

Was sagen die Leser dazu? Zusammengefasst:

Gurki: Zu viele Blogs, so viele kann man nicht lesen; liest weniger; gleiche Themen

Sparkojote: Differenzierter; Sowas passiert ĂŒberall; Liegt am Hype; Mit Zeit kommt Rat; Er sieht es positiv, dass sich viele Menschen Gedanken machen. Jeder Beitrag ist anders.

Wirtschaftswaise: 80% liest er sowieso nicht – nach Kenntnissnahme der Überschrift; Wiederholungen; oder kein Interesse

Tobias: neue Finanzblogs als Störfaktor; fast keine Berichte mehr lesen;

Felix Meier: Finanzblogs abgestanden; 20 jÀhriger erzÀhlt, wie man finanziell frei wird.

Ex-Studentin: Wiederholungen kann man nicht vermeiden; Setzt auf Privates

Anonym: Autosuggestion; Wichtig, dass man sich ĂŒber das Geschriebene immer wieder Gedanken macht.

Das ist doch mal spannend, oder nicht?

Finanzapostel und Heuchler

Wenn ich den Beitrag und die Kommentare durchlese, schwirrt mir nur ein Begriff im Kopf herum: Heuchler!

Einerseits wird dauerhaft gepredigt, wie toll es ist ĂŒber Finanzen zu sprechen, wie schön es doch ist, wenn ein neuer Apostel dem ausgewĂ€hlten Kreis der Finanzfanatiker beitritt und das man doch so oft als möglich ĂŒber Geld sprechen sollte. Andererseits trifft sich dann ein „Geheimzirkel“ in der Kommentarsektion und lĂ€sst sich ĂŒber die Vielfalt neuer Gedanken – also Blogs – Wiederholungen und 72er-Regeln aus. (Übrigens, ich habe auch kĂŒrzlich darĂŒber geschrieben – ich böser böser WiederholungstĂ€ter) Wie passt das zusammen? Ist es Resignation, weil plötzlich der einst verschworene Kreis ganz und gar nicht mehr unter sich ist? In der Geschichte ist das ein gĂ€ngiges Muster. Die eigene Macht schwindet, es kommt zu Machtkampf. Schumpeter wĂŒrde von schöpferischer Zerstörung sprechen. Ein Unternehmer verschwindet von der BildflĂ€che, ein anderer kommt nach. Oder ist es eben doch nur Langeweile und die Sucht nach neuen Gedanken?

ZusĂ€tzlich zu dieser AbsurditĂ€t wird sich ĂŒber die Namensgebung von neuen und gediegenen Blogs ausgelassen. Sparkojote? Geldkatze? Finanzfisch? Das geht doch nicht! Was bilden sich diese Menschen ein? Ihre KreativitĂ€t können die doch woanders ausleben. Im persönlichen Sexleben, aber doch nicht bei der Namensgebung ihres Blogs. UnverschĂ€mtheit! Was denkt sich der Finanzleser dann wohl bei „Denkfabrik“? Wahrscheinlich, dass dieser Name so rein gar nichts mit Finanzen zu tun hat. „HĂ€tte er lieber mal ein bisschen besser darĂŒber nachgedacht. Dieser Penner.“ Ganz ehrlich: Die Diskussion hat mich nur sekundĂ€r erregt.

Wiederholungen lassen sich nicht vermeiden. Ich bin da voll bei Sparkojote, Ex-Studentin und dem anonymen Schreiberling. Denn was solls? So wird Wissen verbreitet. Macht es doch wie der Wirtschaftswaise, der schon bei den Überschriften aussortiert. Eine differenzierte Ansicht wĂ€re aber angebracht. Nicht jeder Leser kommt sofort auf den Blog der SzenegrĂ¶ĂŸen, sondern stattdessen auf einen kleineren Blog. Dort informiert er sich. Nach und nach lernt er neue Blogs kennen, sortiert aus und findet ein, zwei, drei Hauptblogs als Informationsquelle. Vielleicht gefĂ€llt ihm der Schreibstil besser, vielleicht die Aufbereitung, oder einfach nur die Persönlichkeit des Bloggers. Vielfalt schadet nicht. Und das ist nicht nur ein Grundsatz der Wirtschaftswissenschaften. Oder gehen wir am Besten in der Geschichte zurĂŒck. Eine kontrafaktische Annahme: Was wĂ€re gewesen, wenn es neben der Kirche (Damals ein verdammt großer Influencer; die hatten das Monopol unter den Religionsbloggern) keine Menschen gab, die Gegenmeinungen in Buchform, Schnitzereien und Pamphleten veröffentlichten? Tschau SĂ€kularisierung, GrĂŒĂŸ Gott Religionsfanatiker.

Jeder Blogger will seine Erkenntnisse teilen. Erkenntnisse…oh mein Gott…ist es in der Wissenschaft nicht genauso? Theorien bestĂ€tigen heißt doch auch nur altes und bewĂ€hrtes neu aufbereiten. So funktioniert es eben. Ich kann nur fĂŒr mich sprechen, aber ich glaube, auch bereits diskutierte Themen sind interessant. Bei meinem Emerging Markets Beitrag war das der Fall. Das war im Endeffekt ein ausfĂŒhrliches Update von Informationen und nicht nur ein schnell geschriebener Artikel. Recherche, Bildbearbeitung und Aufbereitungsarbeit standen dahinter. Anscheinend hat das auch „Oldies“ interessiert. Das heißt nicht, dass ein Beitrag immer ganz neue Informationen beinhalten sollte. Jeder Blogger soll zur Vielfalt, auch mit bereits oft gehörten Infos, beitragen. Noch etwas ist fĂŒr das stĂ€ndige „AufwĂ€rmen“ verantwortlich: Blogger haben noch kein extrem tiefes Wissen und absolut zusammenhĂ€ngendes VerstĂ€ndnis. Das braucht Zeit. Und ich Reihe mich hier ein. BlogbeitrĂ€ge wachsen mit der Erfahrung des Bloggers.

VerstÀndnis

So schön man sich jetzt ĂŒber die Ansichten vom Couponschneider und den Kommentatoren auslassen kann, so muss ich mir eingestehen: Ja, ich habe VerstĂ€ndnis dafĂŒr. Manchmal wird es langweilig. Manchmal Ă€hneln sich die Themen. Manchmal sind Dinge dabei, die man selbst schon tausendmal gehört hat. Manchmal ist die Namensgebung von Blogs irgendwie lustig. In letzter Zeit sind auch meine Besuche auf Finanzblogs rar geworden. Kommentare in der letzten Zeit? Wenige. Meine tĂ€glichen Besuche auf Finanzblogroll sind zurĂŒckgegangen. Woran liegt das? Habe ich auch das GefĂŒhl, dass es langsam zu viel wird? Nein. Viel mehr bin ich zeitlich momentan sehr im Real Life gebunden. ABER: Auch mein Interesse, mich extrem intensiv mit Finanzthemen zu beschĂ€ftigen, ist in letzter Zeit zurĂŒckgegangen. Das heißt nicht, dass mich das gar nicht mehr interessiert, sondern einfach die PrioritĂ€ten momentan woanders liegen. Vielleicht Ă€ndert sich das vollkommen. Dann werde ich auch meine Blog-AktivitĂ€t zurĂŒckschrauben und es dem Couponschneider gleich machen.

Der fehlende Part

Was können wir aus der Analyse lernen? Was fehlt in unserer Gemeinschaft der Finanzfanatiker? Erinnert ihr euch noch an den Vergleich mit der Wissenschaft? Liegt der Fehler hier? BestĂ€tigen wir uns immer wieder selbst aber gehen keinen Schritt weiter? Liefert die Finanzszene wenig an Explikation und neuen Ideen? Kann sein. Vielleicht fehlt der Tiefgang. Vielleicht fehlt Spezialwissen. Vielleicht aber auch nur Humor und Privatansichten. Ich glaube, die „Oldies“ sehnen sich nach den tiefen Infos, den neuen Ideen. Aber bitte belehrt mich, wenn ich falsch liege.

Was mir persönlich fehlt, ist eine intensivere Zusammenarbeit. Eine Reibung. Ein Aufbegehren. Ein Ansprechen von unangenehmen Themen (Stichwort Affiliate Links) Teilweise das, was Couponschneider mit seinem Artikel bewirkt hat. Bloggerkollegen versuchen das aufzubrechen. Pascal von fyoumoney, Vincent von freakyfinance gehören dazu, aber auch Dominik von finanziell-frei-mit-30 hat mit seiner BlogĂŒbersicht einen Schritt in diese Richtung gemacht (zumindest könnte man das so interpretieren). Aber was meine ich damit genau? Beispielsweise die Reaktion auf meinen Beitrag „binĂ€re Optionen“ von fuckyoumoney, was wiederum eine Reaktion meinerseits im gleichen Beitrag hervorrief. Freakyfinance verlinkt gerne mal von alten Artikeln auf neue BeitrĂ€ge von Bloggern. Hut ab.

Schlussfolgerung

Der Couponschneider hat eine wichtige Diskussion angeregt, die von der Community nicht ignoriert werden sollte. Und so viel man daran kritisieren kann, genau so viel kann man dem kurzen Beitrag und geschriebenen Kommentaren abgewinnen. Deshalb sage ich zu euch: Oh FinanzjĂŒnger, lasst uns akzeptieren die Vielfalt der Finanzblogszene und uns weise ĂŒberlegen beim Klick auf einen Beitrag. Lasst uns nicht verachten die Namen neuer Apostel und vergebe ihnen ihre Wiederholungen. Lasst uns finden neue Ideen und freshe Themen. Halleluja!

Was wird in nÀchster Zeit meine Aufgabe sein? Reibung. Sexy Reibung. Oh yeah Baby.

Und jetzt kreuzigt mich.

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