Lange habe ich überlegt. Was soll ich zum Thema „soziale Gerechtigkeit“ schreiben? Klar, mein Artikel, den auch der Hobbyinvestor erwähnt, geht in diese Richtung, war aber nicht als atomare Gerechtigkeitsbombe zu verstehen. Deshalb dieser Beitrag zur Blogparade, der sich explizit damit beschäftigt.

Die letzten Tage saß ich an meinem Schreibtisch und dachte über das Thema nach. Ich las, was andere darüber schrieben und sah mir auch die Fragen an, die der Hobbyinvestor stellte. Das „soziale Gerechtigkeit“ subjektiv vieles bedeuten kann, ist an anderer Stelle schon erwähnt worden (das ist aber auch das einzige, was ich dem besagten Artikel abgewinne).

Ich kam nicht weiter und war kurz vorm verzweifeln. Plattitüden wollte ich nicht bringen. Was jetzt?

Glücklicherweise kam mir doch eine Idee – im Auto, bei einem philosophischen Podcast. Jahre früher hätte ich gesagt: “Philosophie? Was für die Tonne!”

Heute denke ich nicht mehr so. Immerhin ist die Ökonomie aus der Grundlagenwissenschaft Philosophie entstanden (und noch viele andere Dinge und Konstrukte, aber schließlich sind wir hier auf einem Finanzblog).

Zurück zum Podcast. Darin unterhielten sich die zwei Protagonisten über John Rawls. Ein Mann, der mir nur mehr vage in Erinnerung war. Es ging um das Buch „The Theory Of Justice“.

Kurzvorstellung: Wer war John Rawls?
Wer war John Rawls?
Rawls (1921-2002) war Professor für Philosophie in Harvard. “The Theory Of Justice” ist ein oft diskutiertes Buch, welches das 20. Jahrhundert in der Gerechtigkeitsdiskussion geprägt hat.
Weiter im Text

 

“Hatte ich das Buch schon mal in den Händen? Der hat doch etwas über Dings geschrieben…ja, über was hat er noch einmal genau nachgedacht?”

Mir wollte es einfach nicht mehr einfallen. Aber dann fielen diese Worte: „Schleier des Nichtwissens“. Die Erinnerung war wieder da und ich wusste: das ist mein Anknüpfungspunkt. Damit bewegen wir uns auch endlich weg von der extrem wertenden Ebene und nehmen die Vogelperspektive ein. Wir tauchen ein in ein junges Gedankenexperiment ohne unsere Überzeugungen zu verraten.

Was ist der Schleier des Nichtwissens?

schleier des nichtwissens

Stell dir vor du weißt nicht, in welche Umgebung du hineingeboren wirst. Welches Land, welche Familie, welche Hautfarbe, Status, Beruf…

Warum diese Denke? Weil ein Vermögender Macht hat und sie nicht abgeben will und ein Armer wenig davon hat und wenig bewirken kann. Das leuchtet ein. Mir fallen dazu sofort einige Beispiele aus der jüngeren Geschichte ein. Eines davon möchte ich kurz aufgreifen.

Im 19. Jahrhundert gab es in Großbritannien Korngesetze. Das bedeutet, Zoll auf Importe von Getreide. Dieser Protektionismus setzte ein, weil Grundbesitzer um ihr Kapital fürchteten. Glücklicherweise saßen sie im Parlament und konnten den Zoll mit Erfolg durchsetzen. Dagegen stemmte sich eine „Anti-Corn Law League“, die von Fabrikanten und Kaufleuten gegründet wurde. Diese forderten die Unterstützung der arbeitenden Menschen ein, waren hauptsächlich aber auch auf ihre Interessen bedacht. Heute hat sich diese Machtstruktur meiner Meinung verschoben, ist aber noch immer relativ homogen, weil sich Gruppen nur für eine kurze Zeit zusammenschließen.

In welche Welt willst du hineingeboren werden, wenn du nichts über dein zukünftiges Leben in dieser Welt weißt?

 

Video zur Theorie von Rawls

 

Rawls formuliert dazu einige Grundsätze, die ich nur rudimentär wiedergeben kann:

1. Gleiches Recht für alle Menschen
2. Freiheit und gleiche Chancen
3. Ungleichheit nur, wenn Schwachen größter Vorteil entsteht. Ämter für alle erreichbar
4. (…)

Ungleichheit kann also gerecht sein, solange es denen zugute kommt, die am wenigsten haben.

Ich finde diese Theorie sehr spannend. Durch das Gedankenexperiment wird der maximale Nutzen ausgeschaltet und auf den weniger Begünstigten umgemünzt. Manager-Boni ja, aber nur, wenn es dem Ärmsten auch besser geht.

Aber Johannes, ist das nicht das Versprechen vom Kapitalismus? Gemeinwohl durch Wachstum?

Das ist es. Sogar nach Urvater Adam Smith. Teilweise hat das geklappt, aber leider begünstigt diese Wirtschaftsform Ungleichheit, weil sie auf einzelne Personen keine Rücksicht nimmt. Dass dem so ist bestreitet kaum mehr ein seriöser Ökonom, wie mir letztens bei einer öffentlichen Diskussion von mehreren Wirtschaftswissenschaftlern bestätigt wurde. Interessanterweise haben Ökonomen Ungleichheit lange Zeit ignoriert. Unsere Wirtschaft hängt aber von der Kaufkraft der Massen ab. Vermögensungleichheit ist dabei nicht förderlich. Zusätzlich führt Ungleichheit zu sozialen Spannungen, die in größere Konflikte oder Abschottungen ausarten können. Beides ist heute eine bittere Realität.

„Dann lass den Markt doch machen.“

Bei dieser einfachen Formel, die nicht nur die Lösung, sondern eine Erlösung verspricht, könnte ich kotzen. Ich bin kein verblendeter Linker, wie man in bestimmten Kreisen sagen würde, aber auch nicht extrem konservativ.

Manchmal ist mehr Wettbewerb nötig, manchmal nicht. Bei der oben genannten Formel denke ich schnell an meine juristische Ausbildung: Arbeitsrecht, Sozialrecht, Gesellschaftsrecht. Normen regeln den wirtschaftlichen Ablauf und das ist gut so. Aus tragischen vergangenen Erfahrungen sind Grundsätze entstanden, die rechtlich verankert wurden. Ich glaube, es ist uns gar nicht bewusst, wie gut wir es hinsichtlich unseres Schutzes haben. Am Thron ist es immer einfach etwas zu fordern. Dazu fällt mir ein passender Spruch von unserem Landeshauptmann ein, mit dem ich vor kurzem gesprochen habe:

„Hüte dich vor deiner eigenen Eitelkeit“

Was ist soziale Gerechtigkeit?

All dieses Nachdenken hat mich zu folgender Conclusio geführt: Soziale Gerechtigkeit ist für mich, wenn das schwächste Mitglied in unserer Gesellschaft nicht vergessen wird. Dabei hilft uns die Theorie von Rawls. Hinter dem Schleier des Nichtwissens können wir uns ein gerechtes System besser vorstellen. Ich möchte nicht in einer Gemeinschaft der Kapitaldarwinisten leben. Denn was dann passiert stellt der Film „In Time“ ganz gut dar. Leben wird zur Ware. Und das gilt es zu vermeiden.

 

 

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