Was erwartet dich in diesem Beitrag?

  • Ein Stück Aktiengeschichte mit konkreten Beispielen
  • Ein Versuch, die kulturelle Perspektive von Aktien aufzuzeigen
  • Ein Kurs in „Symbolkunde“ 😉
  • Der Zusammenhang von Kapitalismus und Religion

Was bringt dir dieser Beitrag?

  • Wissen über die kulturelle Seite von Wertpapieren
  • Du kannst mit deinem Wissen glänzen, wenn du über alte Wertpapiere ausgequetscht wirst
  • Neue Gedanken über Symbole und die Entwicklung derer bis in die Gegenwart
  • Eine weitere Perspektive zu: „Kapitalismus als Religion“

Wertpapiere und eine göttliche Symbolik?!?!? What?

Der Geist des Kapitalismus, die Entzauberung der Welt – die Verbindung zwischen Wirtschaftsform und Religion wird immer wieder von verschiedenen Protagonisten aufgegriffen. An dieser Stelle ein Shout-Out an Benjamin und Weber, die sich mit der Beschreibung dieses Zusammenhangs ein Denkmal gesetzt haben. Aber warum eigentlich? Wie kommt man auf die Verbindung zwischen Religion und Kapitalismus? Der Gedanke dahinter ist, dass der Kapitalismus religiöse Antworten auf persönliche und gesellschaftliche Probleme abgelöst hat (z.B. persönliche Sorgen, Unruhen). Vier Merkmale treten dabei besonders hervor.

  1. Die Lehre von Kultur, aber nicht von Werten
  2. Keine geschätzten Feiertage, sondern ständige Konsumtage
  3. Kein Schuldbewusstsein (Schuld(en) wird verharmlost; Neid, Habgier, Stolz dienen dem System)
  4. Gott ist der Mensch selbst, was zur Selbstvergöttlichung führt

Mich erinnert das an meinen Beitrag „Arbeit“. Dort schreibe ich über die Entwicklung der Arbeit, die von Last zu Hype mutiert ist. Philosophisch unterwerfen wir uns Zwängen, obwohl wir denken frei zu sein. Aber das ginge jetzt zu weit. Bleiben wir bei dem göttlichen Antlitz der Aktien:

Wenn Kapitalismus eine Art von Religion ist, dann müssten sich meiner Meinung nach auch Symboliken dafür finden lassen. Da es auf diesem Blog um Finanzen und Aktien geht, sehen wir uns diese Frage im Bezug auf Wertpapiere an. Wir beginnen mit unserer Analyse nicht in der Gegenwart, sondern graben uns wie ein Detektiv durch die Geschichte. Das hat einen einfachen Grund: In digitalen Zeiten lassen sich Symbole viel einfacher verstecken und sind wesentlich abstrakter. Damals sind physische Wertpapiere ausgegeben worden, die nicht nur Verträge, sondern quasi kleine Kunstwerke waren. Netterweise hat darüber schon jemand nachgedacht. Ich fasse also zusammen und bringe meine Meinung mit ein.

Kulturgut Aktie

Welche Symbole finden sich auf physische Aktien in der Wirtschafts- bzw. Kulturgeschichte? Viele Wertpapiere sind mit Göttern (Handel, Fruchtbarkeit), Produktionsfaktoren (Maschinen, Fabriken, Arbeiter) und der holden Weiblichkeit (Fruchtbarkeit, Macht, Verführung) verziert.

Zuerst zu den Göttern. Die Abbildungen sollen „ein gutes Gefühl“ geben. Denn was bieten göttliche Darstellungen? Schutz und Sicherheit. Es gibt dazu ein Sprichwort: „Im Schützengraben wird jeder religiös.“ Bei Wertpapieren verbindet sich Schutz, Sicherheit und Geld. Abstrakter: Sicherheit und Risiko. Denn die damaligen Gefahren bei großen Entdeckungsreisen wogen schwer. Unmittelbar damit verbunden, und das kennen wir alle aus der Praxis, ist der Reiz, Geld zu verdienen – der Gewinn, die Rendite. Zusätzlich zum Symbol für „Handel“ kommt den göttlichen Abbildungen damit eine Glücksbringereigenschaft zu.

Dabei treten Merkur und Ceres am häufigsten auf den Wertpapieren auf. Merkur war ein Gott der Kaufleute, Redner, Reisenden und Diebe, weil er klug, beredsam, schnell, verschmitzt und listig war. (siehe: Merkur) Interessant ist ja, dass Kaufleute im gleichen Atemzug mit Dieben genannt werden ;). Er passt sich verschiedenen Situationen an und „wandelt“ sich. Ceres ist eine Göttin und stand für Wachstum, Kultur und Fruchtbarkeit. (siehe: Ceres)

Sehen wir uns ein Wertpapier genauer an:

Aktie der Banco Nacional de S. Carlos 1782; Foto von HWPH Historisches Wertpapierhaus AG – Ihr Spezialist für Historische Wertpapiere und Finanzgeschichte

Merkur sitzt unten im Bild. Er sitzt auf Paketen, auf Gütern und hat einen Stab mit Schlangen in der Hand. Ersteres zeichnet ihn als Gott des Handels aus, zweiteres weißt auf zwei Parteien hin, die verhandeln. Seine Haltung ist nicht entspannt, sondern „unternehmerisch“. Hier wird ein weltliches Unterfangen mit einer göttlichen Abbildung verschmelzt. Als Kaufmann soll Merkur Glück bringen und Sicherheit ausstrahlen. Der Rahmen birgt übrigens auch eine interessante Geschichte. In einer Zeit, in der sich Nationalstaaten bilden wird diese Abgrenzung obligat. Das kann man auch auf Kunstwerken wahrnehmen.

Ein weiteres Beispiel:

Aktie der Harpener Bergbau Actien-Gesellschaft

Rechts wieder Merkur, links die Industria. Die Arbeit findet mit Hammer und Amboss einen Eingang in das göttliche Dasein. Und hier haben wir wieder einen Hinweis auf den Hype der Arbeit. Aber auch typische industrielle Darstellungen finden sich auf dem Wertpapier: Produktionsgebäude, Eisenbahn und ein rauchender Schlot. Das Weltliche unten, das Göttliche oben.

Eine andere Aktie, (des Hauts-Fourneaux; leider kein hochauflösendes Bild gefunden) hat einen anderen Stil. Sie zeigt statt Gottheiten die Industrie. Neben Merkur sitzt ein Arbeiter. Die Arbeit steht jetzt noch viel mehr im Vordergrund, als bisher und wird durch den arbeitenden Menschen glorifiziert. Arbeiter, Gott, Rauch – diese drei Begriffe bilden den Kern der Produktivität – zumindest im kulturellen Sinne. Was wird nicht gezeigt? Das Elend der damaligen Arbeit. Ich habe ja schon Menschen gehört, die die schwere Arbeit von damals verharmlosen. Bitte lest euch Originalquellen dazu durch, dann versteht ihr u.a. auch Gewerkschaften.

Der liebe Merkur diente noch im 20. Jahrhundert als Symbol und erschien als Verkäufer oder Vorgesetzter, der Menschen etwas zu Arbeiten gibt. Im Faschismus verschwimmen Arbeiter und Götter – traditionelles und männliches steht im Vordergrund. Ab den 50ern verschwanden die göttlichen Abbildungen. Das heißt aber nicht, dass die „Göttlichkeit“ verschwindet, sie ist noch immer unter uns, nur nicht mehr so sichtbar wie früher.

Ein interessantes Konzept verfolgte übrigens der Dessous-Hersteller Wolford. Mit dieser Aktie wollte die AG Frauen für Aktien begeistern:

Wolford AG Aktie

Klimt-Kunst und Göttinen zieren die Aktie. Was halten Frauen von dieser Gestaltung? Finden sich heute noch Hinweise auf die „Göttlichkeit“ der Wertpapiere? Ich bin auf eure Beobachtungen gespannt. Ab in die Kommentare!

Aktie ist nicht gleich Aktie

Eine Aktie ist nicht einfach ein Stück Papier, nicht ein einfaches Ding, sondern auch ein Kulturgut. Die Beispiele zeigen die Entwicklung von göttlichem Auftrag, bis zur Vergöttlichung der Arbeit. Und heute? Heute handeln wir digital und abstrakt. Die Aktie ist für uns kein Produkt der Göttlichkeit (oder vielleicht doch?), Aktien an sich müssen uns nicht mehr beruhigen, denn das übernehmen Charts und Diagramme (denen wir übrigens nicht immer vertrauen sollten), Analysten und eigene Analysen. Die Digitalisierung hat Unsicherheiten weggenommen, die in der Vergangenheit die Aktien selbst nehmen mussten. Wir vertrauen auf Zahlen und starke CEOS…oder? Vielleicht üben jetzt Unternehmensvisionen in Form von einem starken Leader die religiöse, ja göttliche Funktion aus.

Die Wertpapiere zeigen aber noch etwas: Eine Veränderung der Kunst, als Reaktion auf eine Veränderung der Gesellschaft. Götter verschmelzen mit der Zeit zu mächtigen Arbeitern und Produzenten. Im Kolonialismus wird der Stil überheblich und mit Diktaturen kommen traditionelle Werte auf Wertpapiere. Ab den 50ern verschwindet die Darstellung der Götter. Gegenwärtig nehmen wir in unserem Depot nurmehr war, wie viel wir von einer Aktie gekauft haben. Die Kunst wurde uns aus unserem Depot geraubt.

Zuletzt noch eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Lassen sich Symboliken im Sinne einer Verbindung von Religion und Kapitalismus auf Wertpapieren finden? Die Antwort lautet: Ja. Ob der Zusammenhang klar und allgemein hervorgeht muss jeder für sich selbst entscheiden. Entscheidend ist, dass religiöse/mythische Symbole/Götter Wertpapiere zierten und mit der Zeit sogar zu Arbeitern wurden. Diese Entwicklung hört im 20. Jahrhundert auf, weil u.a. die Digitalisierung einhält. Das Abstrakte ersetzt dann zumindest die Symbolik.

 

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